Die erste Frage muss sein: Wie wird ein Kölner Autor zum Experten für Fragen des Alltags im real existierenden Sozialismus?

  

Durch Recherche. Monate bevor ich angefangen habe, das Treatment zu schreiben, habe ich viel gelesen, mich mit Leuten unterhalten, Dokumentationen angeschaut. Und das hat auch viel gebracht für die Geschichte. Die Sigmund-Jähn-Klammer zum Beispiel ist erst während der Recherche-Arbeit entstanden. Ich habe dieses Bild von ihm in der Raumkapsel in einer Dokumentation über Propaganda in der DDR gesehen. Da habe ich den Einstieg in die Geschichte gefunden. Das hatte gleichzeitig etwas Heroisches und etwas Komisches und war ein traurigkomischer Kommentar zur Flucht von Alex' Vater in den Westen.

  

So gesehen muss die erste Frage doch die nach dem Motiv für diese Geschichte sein.

  

Ich war eine Woche vor Mauerfall überhaupt das erste Mal in Berlin. Ab Frühjahr 1990 habe ich dann ein Jahr in Berlin gewohnt. Genau in dem Jahr, in dem GOOD BYE, LENIN! hauptsächlich spielt. Außerdem war ich damals etwa so alt wie die Hauptfigur und fand die Veränderungen, die anarchischen Momente dieser Zeit in Ostberlin sehr spannend. Dafür ist man gerade in diesem Alter sehr empfänglich. Auch Alex ist in einer Umbruchphase und parallel dazu die Gesellschaft, in der er lebt. Es geht um ein doppeltes Abschied nehmen, Abschied von der Jugend, Abschied von einem Staat.

  

Alex fällt der Abschied vom Staat ja schwer. Geht die Analogie so weit, dass man auch ungern Abschied von der Jugend nimmt?

  

Ich glaube schon. Man will sich auf der einen Seite auf etwas Neues einlassen, was ja auch sehr aufregend ist. Auf der anderen Seite hat man Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Orientierungslos dazustehen. Deshalb glaube ich, dass Alex die DDR nicht nur für die Mutter, sondern auch für sich selbst weiterleben lässt. Am Ende vielleicht sogar hauptsächlich für sich selbst. Die letzte große Lüge im Film hat ja hauptsächlich einen symbolischen Wert. Alex läßt etwas überleben. Der real existierende Sozialismus ist nicht aufgegangen, aber der Gedanke lebt weiter. Das ist vielleicht naiv, aber auch sehr stark.

  

Wenn die Idee zu dem Film tatsächlich aus der Zeit stammt, da Sie so alt waren wie ihre Hauptfigur, liegt die Vermutung nahe, dass die Geschichte sehr viel mit Ihnen zu tun hat.

  

Das ist ja immer so, dass man aus sich selber heraus schöpft. Aber ich bin nicht unbedingt jemand, der autobiografische Bilder benutzt. Ich denke, solche Familiengeschichten, in denen man sich belügt, wo es Notlügen oder Lebenslügen gibt, die der Wahrheit im Weg stehen, die kennt man im Westen wie im Osten. Und das hat auch nichts mit dem Gesellschaftssystem zu tun.

  

Die Geschichte, sagten Sie, stammt aus Ihrer Zeit in Berlin vor über zehn Jahren. Haben Sie so lange daran gearbeitet oder lag die Geschichte lange beiseite?

  

Das Exposé habe ich tatsächlich schon vor zehn Jahren geschrieben. Und da ist vieles von dem, was der Film ist, schon drin. Aber damals spielte die Geschichte noch am ehemaligen Lenin-Platz, von dem das Denkmal am Ende wegtransportiert werden sollte. Das Exposé ist irgendwie in der Schublade gelandet. Ich hatte das Gefühl, die Zeit war noch nicht reif. Ich habe dann an der Kunsthochschule für Medien studiert und bin erst später wieder als Drehbuchautor in die Offensive gegangen. Dann habe ich DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE gesehen und gemerkt, der Stil passt zu meiner Geschichte. Denn bei Wolfgang Becker hat sowohl das Komische als auch das Traurige sein Recht. Ich habe es ihm dann geschickt und wir sind eigentlich sehr schnell zusammen gekommen.

  

Haben sich die komischen Aspekte bei der Recherche ergeben?

  

Nein, das gab es schon im Exposé. Wenn man sich die Grundidee anschaut, denkt man sowieso zuerst an eine Komödie. Aber darauf wollte ich mich nie beschränken. Und Wolfgang auch nicht. Aber dass die Recherche komische Dinge zu Tage gebracht hat, ist klar. Ich habe z.B. erst mal eine Session mit vielen Sendungen der "Aktuellen Kamera" gemacht. Mir die anzuschauen, war schon sehr befremdlich, gewöhnungsbedürftig und aus der Distanz auch sehr komisch, obwohl das ja eigentlich eine bierernste Nachrichtensendung war. Aber dadurch kam sicherlich auch die Idee, dass Alex durch gefakte Nachrichten seinen Schwindel so weit treibt und Geschichtsfälschung betreibt: Was im Fernsehen kommt, muss doch wahr sein, egal wie absurd es ist!

  

Wann entscheidet man sich als Drehbuchautor eigentlich
für bestimmte Stilmittel, beispielsweise die Voice Over?

  

Das stand jedenfalls nicht von Anfang an fest. Aber der Plot hat durch den historischen Ablauf eine sehr enge Struktur, darauf musste ich beim Schreiben achten. Da hat der Voice Over sehr geholfen, sich davon etwas zu befreien, sprunghafter und schneller zu erzählen. Darauf gekommen bin ich durchs erste Bild: Sigmund Jähn in der Raumkapsel. Da war dann plötzlich dieser Satz da: "1978 war die DDR auf Weltniveau und unsere Familie ging den Bach runter" und mir wurde klar, was für einen zusätzlichen Ton durch den Voice Over in den Film kommen könnte.

  

Noch während der Dreharbeiten sind Sie als Autor schon
zu Ehren gekommen. Sie haben zusammen mit Wolfgang Becker den Deutschen Drehbuchpreis bekommen.
Bedeutet einem Autor das etwas?

  

Das hat mir schon etwas bedeutet. Weil es mich bestätigt hat in meinem Stil, Geschichten zu erzählen. Geschichten, wie ich sie mag und die einem nicht gerade aus den Händen gerissen werden.

  

Wenn ein Autor mit einem Regisseur zusammen arbeitet, wird dann der Regisseur nur zum Autor oder der Autor auch irgendwie zum Regisseur?

  

Ich habe die ersten Treatments und drei Drehbuchfassungen erst einmal alleine geschrieben. Aber auch das schon in sehr engem Kontakt mit Wolfgang Becker. Er ist von Anfang an mit knallharter Kritik gekommen, gerade was die Figuren angeht. Das verbindet uns sehr und ist uns beiden wichtig: die Geschichte aus den Figuren zu erzählen. Und es gab auch Situationen, wo Wolfgang sagte, ich kann bestimmte Sachen nicht inszenieren, dazu wird mir nichts einfallen, da fehlt noch Substanz in der Szene, da musst du noch mal ran. Am Ende haben wir richtig zusammen geschrieben. Und dann beim Drehen hat mich Wolfgang stark miteinbezogen.

  

Interessiert Sie beim Schreiben auch schon die Besetzung?

  

Das interessiert mich eher spät. Ich habe beim Schreiben keine Schauspieler vor Augen. Es würde mich auch in meiner Freiheit einengen. Auch als ich dann die Besetzung kannte und noch geschrieben habe, habe ich mich nicht daran orientiert.

  

Was denken Sie wird die heute 20jährigen an GOOD BYE, LENIN! besonders interessieren?

  

Ich glaube, dass es da Unterschiede zwischen West und Ost geben wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Westler eher auf die Familiengeschichte stürzen, während die Ostler, die damals acht Jahre alt waren, Fragen nach der Geschichte, nach dem "verschwundenen" Land haben werden. Weil es um ihre Geschichte, um ihre Herkunft geht.